Sonntag, 16. Oktober 2016

Nazim Hikmet (1902-1963)

>>>>>>> Wäre ich eine Platane - würde ich in
>>>>>>> ihrem Schatten ausruhen
>>>>>>> Wäre ich ein Buch,
>>>>>>> würde ich, ohne gelangweilt zu sein,
>>>>>>> in schlaflosen Nächten lesen
>>>>>>> ein Bleistift wollte ich nicht sein, nicht
>>>>>>> einmal zwischen meinen Fingern
>>>>>>> Wäre ich eine Tür
>>>>>>> würde ich mich für die Guten öffnen
>>>>>>> und für die Schlechten schließen
>>>>>>> Wäre ich ein Fenster, ein weit offenes
>>>>>>> Fenster, ohne Vorhänge,
>>>>>>> würde ich die Stadt in mein Zimmer holen
>>>>>>> Wäre ich ein Wort,
>>>>>>> würde ich nach dem Schönen, dem
>>>>>>> Gerechten, dem Wahren rufen
>>>>>>> wäre ich ein Wort,




Das Maerchen der Maerchen

Wir stehen am Wasser, die Platane und ich. Im Wasser unser
Spiegelbild, die Platane und ich. Das Licht des Wassers erleuchtet
uns, die Platane und mich. Wir stehen am Wasser, die Platane und ich
und die Katze. Im Wasser unser Spiegelbild, die Platane und ich und
die Katze. Das Licht des Wassers erleuchtet uns, die Platane und mich
und die Katze. Wir stehen am Wasser, die Platane und ich und die Katze
und die Sonne. Im Wasser unser Spiegelbild, die Platane und ich und
die Katze und die Sonne. Das Licht des Wassers erleuchtet uns, die
Platane und mich und die Katze und die Sonne. Wir stehen am Wasser,
die Platane und ich und die Katze und die Sonne und unser Leben. Im
Wasser unser Spiegelbild, die Platane und ich und die Katze und die
Sonne und unser Leben. Das Licht des Wassers erleuchtet uns, die
Platane und mich und die Katze und die Sonne und unser Leben. Wir
stehen am Wasser. Zuerst wird die Katze vergehen, ihr Spiegelbild
erlischt im Wasser. Dann werde ich vergehen, mein Spiegelbild erlischt
im Wasser. Dann wird die Platane vergehen, ihr Spiegelbild erlischt im
Wasser. Dann wird das Wasser vergehen. Die Sonne wird bleiben, dann
vergeht auch sie. Wir stehen am Wasser, die Platane und ich und die
Katze und die Sonne und unser Leben. Das Wasser ist kuehl, die Platane
ist hoch, ich schreibe Gedichte, die Katze schlaeft, die Sonne waermt
uns - gottlob, wir leben. Das Licht des Wassers erleuchtet uns, die
Platane und mich und die Katze und die Sonne und unser Leben.

Nazim Hikmet (1902-1963)
http://wiki.aki-stuttgart.de/mediawiki/index.php/Nazim_Hikmet


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MfG, Karl Dietz
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