Dienstag, 15. Juli 2014

Kommunikationsmodelle. Korea

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>> einige Zeilen aus der NZZ von vor einigen jahren:
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>> Schon früh kommt in Griechenland die Tradition auf, politische
>> Entscheidungen und Konflikte durch vor einem Publikum gehaltene Reden
>> herbeizuführen. Demokratie und Rhetorik dürften eng zusammenhängen. Die
>> Agora war der Ort, an dem debattiert wurde, und wer eloquent war, konnte
>> weit kommen. Rhetorik-Schulen gab es, wohin die Bürger ihre Söhne schickten.
>> Man musste lernen, Argumente aufzubauen und diese in schöne Rhetorik zu
>> kleiden. Auch Gerichtsentscheidungen wurden ausschliesslich nach den
>> Plädoyers des Angeklagten und des Klägers getroffen. Daher gab es auch
>> spezielle Gerichtsredenschreiber, die damit recht gut verdienten. Diese
>> Tradition der Rhetorik spielte durch die europäische Geschichte hindurch
>> eine prägende Rolle, so dass die Diskurskultur zu einem zentralen Faktor
>> wurde. Die Bewunderung für die Eloquenz ist heute noch ungebrochen. Im
>> Sprechen liebte man in Europa auch die offene Konfrontation wie im Krieg. -
>> In Korea liegen die Dinge völlig anders. Das Geschriebene stand seit je in
>> hohem Ansehen, man hegte aber der gesprochenen Sprache gegenüber grosse
>> Skepsis. Sprechen würde nur Konflikte säen und Feindschaft bringen. Man
>> müsse daher jedes Wort sorgfältig abwägen, da man ein einmal ausgesprochenes
>> Wort nicht mehr rückgängig machen könne. Im Zweifelsfall solle man lieber
>> schweigen. In allen alten Büchern, die Kinder in Verhaltensweisen
>> unterwiesen, wurde dieser Aspekt hervorgehoben.
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>> Neben der allgemeinen Skepsis der gesprochenen Sprache gegenüber kommt noch
>> ein weiteres Merkmal in der koreanischen Sprache hinzu, das eine offene
>> Kommunikation nicht aufkommen liess: Die koreanische Sprache ist durch ein
>> hoch komplexes, feinmaschiges Netz von Höflichkeitsformeln durchzogen, wohl
>> entstanden unter dem Einfluss des Konfuzianismus. Man muss die passende
>> Höflichkeitsformel für das jeweilige Gegenüber finden. Beginnend mit der
>> Anrede, über die passende Verbform bis zu der Frage, welches Wort für <<ich>>
>> man benutzen soll. Wann man wie sprechen soll, hängt ganz von der jeweiligen
>> Gesprächssituation und der Beziehung der Beteiligten ab. In einer solch
>> strengen Sprachhierarchie ist der Kommunikationsfluss stark durch
>> ritualisierte Formen kanalisiert. Sachlichkeit ist wichtig, aber persönliche
>> Rücksichtnahme ist noch wichtiger. Gefühlsäusserungen müssen der Situation
>> angemessen wohldosiert sein. In einem solchen Sprachumfeld ist es kaum
>> möglich, eine allgemeine Rhetorik überhaupt zu konzipieren. Heute ist die
>> koreanische Sprache etwas vereinfacht worden, aber das Grundmuster bleibt
>> dasselbe.
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