Donnerstag, 4. Mai 2017

Oskar Maria Graf: Verbrennt mich (1933)

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> Der 10.05.1933 gehört sicher zu den dunkelsten tagen der
> jüngeren deutschen geschichte. einige daten und infos auf:
> http://wiki.aki-stuttgart.de/mediawiki/index.php/1933
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>>>>> > Zwei Tage nach der Bücherverbrennung, am 12. Mai 1933,
>>>>> > veröffentlichte Graf diesen Artikel in der Wiener Arbeiterzeitung:
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>>>>> > "Verbrennt mich
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>>>>> > Wie fast alle links gerichteten, entschieden sozialistischen
>>>>> > Geistigen in Deutschland, habe auch ich etliche Segnungen des
>>>>> > neuen Regimes zu spüren bekommen: Während meiner zufälligen
>>>>> > Abwesenheit aus München erschien die Polizei in meiner dortigen
>>>>> > Wohnung, um mich zu verhaften. Sie beschlagnahmte einen
>>>>> > großen Teil unwiederbringlicher Manuskripte, mühsam
>>>>> > zusammengetragenes Quellenstudien- Material, meine sämtlichen
>>>>> > Geschäftspapiere und einen großen Teil meiner Bücher. Das alles
>>>>> > harrt nun der wahrscheinlichen Verbrennung.
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>>>>> > Ich habe also mein Heim, meine Arbeit und - was am Schlimmsten
>>>>> > ist - die heimatliche Erde verlassen müssen, um dem
>>>>> > Konzentrationslager zu entgehen. Die schönste Überraschung aber
>>>>> > ist mir erst jetzt zuteil geworden: Laut "Berliner Börsencourier"
>>>>> > stehe ich auf der "weißen Autorenliste" des neuen Deutschlands,
>>>>> > und alle meine Bücher, mit Ausnahme meines Hauptwerkes "Wir
>>>>> > sind Gefangene", werden empfohlen: Ich bin also dazu berufen,
>>>>> > einer der Exponenten des "neuen" deutschen Geistes zu sein!
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>>>>> > Vergebens frage ich mich: Womit habe ich diese Schmach
>>>>> > verdient? Das "Dritte Reich" hat fast das ganze deutsche
>>>>> > Schrifttum von Bedeutung ausgestoßen, hat sich losgesagt von der
>>>>> > wirklichen deutschen Dichtung, hat die größte Zahl seiner
>>>>> > wesentlichsten Schriftsteller ins Exil gejagt und das Erscheinen
>>>>> > ihrer Werke in Deutschland unmöglich gemacht. Die
>>>>> > Ahnungslosigkeit einiger wichtigtuerischer Konjunkturschreiber und
>>>>> > der hemmungslose Vandalismus der augenblicklich herrschenden
>>>>> > Gewalthaber versuchen all das, was von unserer Dichtung und
>>>>> > Kunst Weltgeltung hat, auszurotten und den Begriff "deutsch"
>>>>> > durch engstirnigsten Nationalismus zu ersetzen.
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>>>>> > Ein Nationalismus, auf dessen Eingebung selbst die geringste
>>>>> > freiheitliche Regung unterdrückt wird, ein Nationalismus, auf
>>>>> > dessen Befehl alle meine aufrechten sozialistischen Freunde
>>>>> > verfolgt, eingekerkert, gefoltert, ermordet oder aus Verzweiflung in
>>>>> > den Freitod getrieben werden. Und die Vertreter dieses
>>>>> > barbarischen Nationalismus, der mit Deutschsein nichts, aber auch
>>>>> > rein gar nichts zu tun hat, unterstehen sich, mich als einen ihrer
>>>>> > "Geistigen" zu beanspruchen, mich auf ihre sogenannte "weiße
>>>>> > Liste" zu setzen, die vor dem Weltgewissen nur eine schwarze
>>>>> > Liste sein kann!
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>>>>> > Diese Unehre habe ich nicht verdient! Nach meinem ganzen Leben
>>>>> > und nach meinem ganzen Schreiben habe ich das Recht, zu
>>>>> > verlangen, dass meine Bücher der reinen Flamme des
>>>>> > Scheiterhaufens überantwortet werden und nicht in die blutigen
>>>>> > Hände und die verdorbenen Hirne der braunen Mordbande
>>>>> > gelangen. Verbrennt die Werke des deutschen Geistes! Er selber
>>>>> > wird unauslöschlich sein wie eure Schmach! Alle anständigen
>>>>> > Zeitungen werden um Abdruck dieses Protestes ersucht."

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